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Ambiguitätskompetenz als die ultimative Stärke

Spätestens seit dem Akronym „VUCA-Welt“ kennen wir den Begriff der Ambiguität. Diese bezeichnet Mehrdeutigkeit. Unter Ambiguitätskompetenz verstehen wir den konstruktiven Umgang mit Fremden und mit Widersprüchen.

Ambiguität in der Kommunikation

Mehrdeutigkeiten in der Kommunikationstheorie haben Paul Watzlawick und Friedmann Schulz von Thun erforscht. Im Vier-Seiten-Modell stellt Schulz von Thun dar, dass jede Aussage ambiguitiv ist:

  • Sachebene: Informationen, Daten und Fakten
  • Selbstoffenbarung: Facette des Kommunizierenden bezüglich der eigenen Person
  • Beziehungsebene: Aussage bezüglich der Beziehung der Kommunizierenden
  • Appell: Aufforderungscharakter der Kommunikation

Paul Watzlawick stellte in seinen Axiomen der Kommunikation heraus, dass wir nicht nicht kommunizieren können. Positiv formuliert: wir kommunizieren ständig! Wortwahl, Sprachmelodie, aber auch Blicke, unbewusste Hand- und Fußstellungen, selbst wenn wir etwas nicht machen oder gar nicht da sind, ist das Kommunikation und wird gedeutet…

Von Ambiguitätstoleranz zur Ambiguitskompetenz

Mit Ambiguitätstoleranz bezeichnen wir die Fähigkeit, Mehrdeutigkeiten, Widersprüche, differente Sichtweisen auszuhalten. In kulturell sowie sozial fremden Situationen respektvoll und zielführend zu agieren, bezeichnen wir als Ambiguitätskompetenz. Akzeptieren, dass die eigene Sichtweise nicht die einzig richtige ist und entsprechend zu handeln, verlangt eine reflektierte Selbst- und Fremdwahrnehmung.

Vorschnelle Deutungen nach dem Muster: nicht am Arbeitsplatz, also wird nicht gearbeitet, führen in die Irre. Mein Nachbar arbeitete ausschließlich in Nachtschichten, um sein neu erworbenes Haus schneller abbezahlen zu können. Die neugierigen Nachbarn frugen, ob er überhaupt arbeite, er sei ja „immer“ zu Hause. Fatale Fehldeutungen, vor denen niemand gewappnet ist.

Fremdes, Widersprüchliches und Mehrdeutiges wahrzunehmen, tolerieren und integrieren zu können, erfordert ein hohes Maß an Ambiguitätskompetenz. Klare, bewusste und reflektierte Toleranzgrenzen ziehen zu können, schließt die Ambiguitätskompetenz mit ein.

Ambiguitäten im betrieblichen Alltag nicht nur auszuhalten, sondern auch zu managen, verlangt eine reife, erwachsene Leistung. Jeder Mitarbeiter, jedes Team, jede Führungskraft und sogar jede Situation haben sowohl positive als auch negative Anteile, die es zu beachten gilt. Schwarz-weiß-Malerei verkennt die farbigen Facetten oder ist schlichtweg falsch.

Ambiguitätskompetenz im Unternehmen

Organisationen sind hoch komplex. Sie sind abhängig davon, dass unterschiedliche Interessengruppen kooperieren und (konkludente) Verträge zum Wohle der Organisation schließen. Voraussetzung hierfür ist die Fähigkeit, andere Bedürfnisse und Sichtweisen wahrzunehmen und wohlwollend zu akzeptieren.

Grundlage hierfür ist die Fähigkeit, die Realität nicht zu sehr verzerrt wahrzunehmen. Die Konstruktion der Realität sollte faktenorientiert und emotional ausgewogen vollzogen werden. Sie ist für den Organisationsalltag von immenser Bedeutung. Die Führungskräfte befinden sich in einem ständigen Prozess des Managements unterschiedlicher Interessen. Ihre Fähigkeit, ausgewogene Entscheidungen herbeizuführen, hat eine enorme Tragkraft.

Erwerb der Ambiguitätskompetenz

Während meiner universitären Lehrtätigkeit habe ich erlebt, dass Ambiguitätskompetenz wohl am schwierigsten didaktisch zu vermitteln gilt. Ist jedoch nicht unmöglich, benötigt jedoch mehr Zeit zum Diskurs.

Die Fähigkeit mit Ambiguitäten zielführend umzugehen, lässt sich gut messen und auch trainieren.

Bezeichnend ist, dass diejenigen, deren Ambiguitätskompetenz am besten ausgeprägt war, beruflich auch am Weitesten gekommen sind. Das wird sich wohl auch in der Zukunft nicht ändern.

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